Update: Die Kanzlerin und das weinende Flüchtlingsmädchen Reem

Im Netz kursiert derzeit ein verkürztes Video aus der Sendung “NDR Aktuell”, das für viel Aufregung sorgt. Das Video zeigt die Kanzlerin im Gespräch mit Schülern in der Paul-Friedrich-Scheel-Schule in Rostock. 88 Minuten lang spricht die Kanzlerin mit den 29 Schülern über Klima, Umwelt, Home-Ehe und eben auch über Flüchtlinge.

Kanzlerin Merkel und das weinende Flüchtlingsmädchen Reem

Unter den Schülern befindet sich das Flüchtlingsmädchen Reem, das nun der Kanzlerin ihre Geschichte, Ängste und Wünsche schildert:

Reem lebt seit vier Jahren in Deutschland, dafür spricht die Sechstklässlerin ziemlich gut deutsch. Außerdem noch arabisch, englisch, ein bisschen schwedisch und nächstes Jahr will sie französisch lernen. Und studieren will das junge palästinensische Mädchen später einmal auch. Allerdings hat ihre Familie nur ein vorläufiges Bleiberecht, weswegen sie theoretisch jederzeit wieder abgeschoben werden kann, in den Libanon. Vor kurzem sei es einmal kurz davor gewesen, das habe sie sehr bedrückt. Das alles hat Reem der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch in der Turnhalle der Rostocker „Paul-Friedrich Scheel“-Schule erzählt, wo sie mit 29 Schülern diskutierte. → FAZ

Daraus macht “NDR Aktuell”:

Es wird anmoderiert mit dem Satz: „Jetzt soll Reem abgeschoben werden. Das muss man einem hoffnungsvollen, jungen Menschen erst einmal erklären.“

Angela Merkel konfrontiert mit weinendem Flüchtlingsmädchen

Tatsächlich spiegelt das sehr verkürzte NDR-Video nicht die ganze Geschichte wieder. Guckt euch den längeren Videoausschnitt auf der FAZ an. Hier gibts den kompletten Bürgerdialog der Bundesregierung.

Sorry, aber wenn Reem als so junges Mädchen schon den Mut aufbringt und vor laufender Kamera mit vielen Menschen ringsum ihre Geschichte, Sorge und Ängste schildert, dann darf sie doch wohl von einer Bundeskanzlerin mehr erwarten, als bloß ein, zwei Streicheleinheiten. Reem hat von sich und seiner Familie gesprochen und nicht von allen Flüchtlingen. Die Kanzlerin aber spricht allgemein über die Flüchtlingsproblematik und geht auf Reem nicht direkt ein. Erst, als Reem zu weinen beginnt, scheint Sie die aussichtslose Lage des Mädchens zu begreifen. Dennoch, mehr als ein, zwei Streicheleinheiten hat Sie als Kanzlerin nicht anzubieten.

Die Aufregung im Netz ist also nicht ganz unberechtigt.

Update: Reem darf wohl bleiben, schreibt die Tagesschau

Die 14-jährige Palästinenserin Reem hat bei Kanzlerin Merkel offenbar doch einen tiefen Eindruck hinterlassen, denn nur einen Tag nach dem Auftritt vor Schülern in Rostock brachte die Kanzlerin eine lang geplante Neuregelung zum Bleiberecht auf dem Weg.

In Fällen wie dem von Reem soll in Zukunft gelten: “Einem jugendlichen oder heranwachsenden geduldeten Ausländer soll eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden, wenn er sich seit vier Jahren ununterbrochen erlaubt, geduldet oder mit einer Aufenthaltsgestattung im Bundesgebiet aufhält”. So teilte es das Bundesinnenministerium auf Anfrage des ARD-Hauptstadtstudios mit.

Nach dem, was man bislang über Reems Familie weiß, dürfte das neue Gesetz für die 14-Jährige bedeuten: Sie darf in Deutschland bleiben.

Unsere Kanzlerin ist dann wohl doch nicht so kaltherzig und unmenschlich, wie Sie derzeit auf Twitter dargestellt und kritisiert wird.

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